„Unbefugten ist der Zutritt verboten“. Das gelbe Schild auf der schweren Metalltür kündigt es bereits an: In dem dahinter liegenden Raum befinden sich spezielle Substanzen. „Dies ist das Lager für unsere Pflanzenschutzmittel“, erklärt Stefan Cramm und drückt die Klinke herunter. Der Landwirt betritt den fensterlosen Raum auf dem Hof in der Nähe des niedersächsischen Orts Einbeck. In Industrieregalen lagern hier Kanister mit Herbiziden, Insektiziden und Fungiziden. Chemikalien, die Cramm nutzt, um seine Pflanzen gegen Unkräuter, Schädlinge oder Pilzkrankheiten zu schützen.

„Dieser Lagerraum unterliegt TÜV-Auflagen. Er ist feuersicher, hat einen säurefesten Fußboden und darf keine brennbaren Materialien enthalten“, erläutert der 27-Jährige. Er tritt auf ein Regal zu, entnimmt einen verschlossenen Plastikkanister und trägt ihn nach draußen. Wie das Etikett verrät, enthält der Kanister den in Deutschland wohl verbreitetsten Wirkstoff gegen Unkräuter: Glyphosat. Heute soll das Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden, um Kräuter und Gräser auf dem Acker zu bekämpfen. „Würde ich das vor der Aussaat der Zuckerrüben nicht machen, hätten die keimenden Pflanzen keine Chance. Sie würden im Bewuchs untergehen oder völlig überwuchert werden“, so Stefan Cramm. 

 

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Klare Wettervorgaben: nicht zu feucht, nicht zu windig

Es ist acht Uhr in der Frühe, Anfang April. Die Wettervorhersage verspricht einen trockenen und windstillen Tag. „Das ist ausgesprochen wichtig“, erläutert Cramm. „Damit der Wirkstoff gut aufgenommen wird, dürfen die Zielpflanzen beispielsweise nicht zu nass sein. Zu starker Wind wiederum würde verhindern, dass wir das Herbizid punktgenau ausbringen können.“

Inzwischen steht Stefan Cramm an der „Befüllstation“ im Innenhof. Dort hat er bereits den Traktor geparkt, an den ein Gerät mit einem großen Behälter angehängt ist: die Pflanzenschutzspritze. 7.000 Liter Flüssigkeit fasst der zylindrische Tank. Das seitlich eingeklappte Gestell ist das Spritzgestänge. Wie auf der Tankstelle verkuppelt der junge Landwirt einen dicken Wasserschlauch mit der Spritze und legt einige Hebel um. Parallel dazu lässt er über einen Edelstahlbehälter, die sogenannte Einspülschleuse, das Herbizid in den Wasserstrom und damit in den Tank einfließen. Drei exakt abgemessene Liter des Pflanzenschutzmittels kommen auf 200 Liter Wasser. „Durch die Schleuse läuft kontinuierlich Frischwasser, damit sich nirgendwo im Behälter Pflanzenschutzmittel absetzen kann“, erläutert Stefan Cramm. Das Tank- und Befüllsystem ist so abgesichert, dass der Wirkstoff nicht zurück in die Wasserleitung gelangen kann. Und der Kanister mit den Wirkstoffresten? „Der wird gründlich ausgespült und später im Rahmen eines Rückgabesystems recycelt. „Das wird von den Händlern in Verbindung mit Spezialfirmen organisiert.“

GPS sorgt für präzises Ausbringen

Der Landwirt besteigt seinen Traktor. Auf geht’s mit dem Gespann in Richtung Rübenacker. Auf rund 150 Hektar Land bauen die Cramms Weizen, Gerste, Raps, Mais und Zuckerrüben an. Letztere müssen bald ausgesät werden. Vorher jedoch kommt Glyphosat zum Einsatz. Auf den künftigen Zuckerrübenäckern wurde nach der Ernte des Vorjahrs eine Zwischenfrucht angepflanzt, die im Winter kaputtfriert oder gemäht werden muss. „Der dadurch entstehende Mulch schützt die hügeligen und erosionsanfälligen Felder in unserer Gegend vor dem natürlichen Abtragen“, sagt Stefan Cramm und ergänzt: „Das Glyphosat wird rund eine Woche vor der Aussaat der Zuckerrüben ausgebracht, um das im Mulch sprießende Unkraut früh zu bekämpfen. Ein Umpflügen wäre keine sinnvolle Alternative, denn es würde den Boden zu sehr lockern.“

 

 

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Auf dem Acker angekommen, klappt Stefan Cramm aus dem Cockpit heraus per Knopfdruck das 24 Meter breite Spritzgestänge aus. An der Unterseite der Arme sind im Abstand von 50 Zentimetern Spritzdüsen angebracht. Stefan Cramm wählt die nötige Ausbringungsmenge von 200 Liter je Hektar, den passenden Druck sowie die Düsen aus und fährt los. Auf dem Display vor ihm färbt sich die bearbeitete Ackerfläche Meter für Meter grün. Gleichzeitig versprühen die Düsen einen dichten Schleier des Pflanzenschutzmittels. Dies geschieht über das Gestänge möglichst nah am Boden, damit die zwischen den Mulchstoppeln sprießenden Grünpflanzen gleichmäßig benetzt werden. An- und abgeschaltet wird die moderne Spritze von Stefan Cramm automatisch über GPS. Sobald der Landwirt über eine bereits gespritzte Stelle noch einmal fährt, werden die Düsen gruppenweise sofort abgeschaltet. „Ich kann also nicht zu viel Wirkstoff auf der Fläche ausbringen. Für eine Doppelbehandlung müsste ich das System schon bewusst deaktivieren“, erklärt Stefan Cramm.

Alarm schlägt das System auch, wenn Wind aufkommt. Ein Windmesser auf dem höchsten Punkt der Spritze misst ständig die Windgeschwindigkeit und zeigt den Wert auf dem Display an. Steigt dieser über den kritischen Wert von fünf Metern pro Sekunde an, ertönt ein Warnsignal. „Bei geringem Wind kann ich die Tropfengröße über die Düsen, den Druck und die Geschwindigkeit verändern. Bei starkem Wind würde ich den Spritzvorgang abbrechen.“ 

Schwarze Schafe treiben Missbrauch

Apropos: Wie gefährlich ist Glyphosat denn eigentlich für die Umwelt? Hierauf hat der junge Landwirt eine klare Antwort: „Glyphosat ist ein behördlich zugelassenes Pflanzenschutzmittel. Es wirkt nur auf lebende, das heißt grüne Pflanzen, auf die es gesprüht wird. Diese sterben nach ungefähr einer Woche ab.“ Nicht von Pflanzen aufgenommener Wirkstoff werde im Boden vergleichsweise schnell abgebaut. „Er zerfällt in Abbaustoffe, die für die Umwelt nicht schädlicher sind als beispielsweise die Abbauprodukte von Zahnpasta.“ Darüber hinaus, so ergänzt Stefan Cramm, würde das Ausbringen von Glyphosat sogar dazu beitragen, stärker auf die Umwelt wirkende Pflanzenschutzmittel einzusparen. So wie auf seinem Rübenacker. „Würde ich vor der Aussaat kein Glyphosat spritzen, müsste ich unter Umständen ein weitaus aggressiveres Pflanzenschutzmittel mehrfach nach der Aussaat ausbringen. Alternativ müsste ich den Boden vor der Saat tiefer bearbeiten.“ Und das, so ergänzt er, wäre weder für den Boden noch für die Nutzpflanzen gut.

Trotzdem finden sich immer wieder Rückstände von Glyphosat in Lebensmitteln – wenn auch weit unter den bestehenden Grenzwerten. Wird also doch nicht der gesamte Wirkstoff abgebaut? „In Bier und anderen Lebensmitteln hat Glyphosat nichts zu suchen“, entrüstet sich Stefan Cramm. „Ich gehe fest davon aus, dass die Ursachen dafür in einem unsachgemäßen Gebrauch des Wirkstoffs zu finden sind.“ Denn Glyphosat könne hauptsächlich auf einem Wege in Lebensmittel gelangen: Wenn es kurz vor der Ernte auf das fast reife Korn gespritzt wird. „Es gibt schwarze Schafe unter den Landwirten, die das tun, um dadurch einen wirtschaftlichen Vorteil zu erlangen. Durch die sogenannte Sikkation töten sie noch unreife Pflanzen auf dem Feld, erhöhen die Ernteleistung und sparen unter Umständen Trocknungskosten ein. Dabei ist Sikkation in Deutschland – abgesehen von genau definierten Notlagen – seit 2014 verboten.“ 

 

Der Boden ist für den Landwirt überlebenswichtig

Generell, so der 27-Jährige, lasse sich in Deutschland und der EU über eine vorgegebene Dokumentationspflicht sehr genau nachvollziehen, was jeder einzelne Landwirt mache. „Wir führen eine ‚Ackerschlagkartei‘, in der wir auch die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln detailliert auflisten müssen, und werden stichprobenartig scharf überprüft.“ Zusätzlich muss jeder Landwirt, der chemische Pflanzenschutzmittel verwendet, einen Sachkundenachweis erbringen, der alle drei Jahre aufgefrischt wird. Und noch ein weiterer Punkt ist Stefan Cramm wichtig: „Den eigenen Boden nachhaltig zu behandeln, ist für uns Landwirte selbstverständlich. Er ist quasi unsere Lebensgrundlage, die es für nachfolgende Generationen zu erhalten gilt.“ Ein wichtiger Eckpfeiler der Landwirtschaft sei es daher, den Boden schonend zu bearbeiten und zu behandeln. So auch den Rübenacker, auf dem an diesem Tag das Herbizid gespritzt wird: „Glyphosat setzen wir nur vor der Aussaat von Rüben ein. Und da wir lediglich auf rund 15 Prozent unserer Fläche Rüben anbauen, wird der Wirkstoff bei uns nur etwa alle siebeneinhalb Jahre auf jedem Acker ausgebracht“, erläutert der junge Landwirt und fügt hinzu: „Über eine geschickte Gestaltung der Fruchtfolge steuern wir eine Menge.“

 

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Es ist kurz vor Mittag – nach rund eineinhalb Stunden ist der Tank leer. 35 Hektar hat Stefan Cramm an diesem Vormittag mit dem glyphosathaltigen Herbzid behandelt. In etwa einer Woche wird das Unkraut zwischen dem Mulch abgestorben sein – und die Rüben können gesät werden. Um das Spritzsystem zu reinigen, füllt Stefan Cramm ein pH-neutrales Reinigungsmittel über die Einspülschleuse in die Spritze ein. Die so stark verdünnte Reinigungsbrühe wird anschließend auf dem gleichen Acker ausgebracht – damit keine Reste in Düsen, Tank und Schläuchen verbleiben. Stefan Cramm wendet den Trecker und steuert in Richtung Hof. Ein herzhaftes Mittagessen wartet: Heute gibt es Schnitzel – mit selbst angebauten Kartoffeln.