Wie würde Deutschland ohne Landwirtschaft aussehen? Sicher ist, dass wir alle buchstäblich „im Wald“ stünden. Denn viele Landschaften wurden dadurch geprägt, dass Landwirte sie jahrhundertelang bewirtschafteten. Sie rodeten Wälder, erschlossen neue Weideflächen und schufen Ackerland. Heute würde man eine solche Art der Bewirtschaftung als verfehlt und zerstörerisch anprangern, denn der ursprüngliche Charakter der Landschaft ging dadurch verloren. Allerdings entstanden neue Lebensräume und einzigartige Landschaftstypen, die inzwischen sogar den Status schützenswerter Kulturlandschaften erlangt haben. Ihre Schönheit macht sie zu beliebten Naherholungs-, Urlaubs- und Ausflugszielen.

Lüneburger Heide

 

Wälder, Moore, Felder – und das berühmte Heidekraut: Für einen Kurztrip in die Lüneburger Heide ist jetzt die beste Zeit. Von August bis Mitte September färben Millionen blühender Sträucher die Heide violett und sorgen für ein wunderschönes Naturereignis. Heidelandschaften entstanden im späten Mittelalter, als Waldflächen in Nutzflächen umgewandelt wurden. Dies war nötig, um den damaligen Holzbedarf der Wirtschaft zu decken sowie Acker- und Weideland zu schaffen. Heute äsen grau gehörnte Heidschnucken, eine genügsame Schafrasse, die Heidelandschaft ab – und erhalten so die Kulturlandschaft für den Tourismus.

 

Faszinierendes Naturschauspiel: die Heide blüht

Heide
Willow – Eigenes Werk, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17767028

 

Almen

 

Weiter Blick, rustikale Hütten, weidende Tiere auf saftigen Hochwiesen: Dieses Landschaftsbild prägt unsere Vorstellung von Bergromantik. Jahrhundertelang rodeten Almbauern Hochplateaus und beweideten diese in den Sommermonaten mit ihren Tieren, um auf den Flächen im Tal Ackerbau betreiben zu können. Und sie nutzten ihr Wissen beim Bau von Almhütten, um diese vor Witterungsgefahren wie Lawinen oder starken Winden zu schützen. Wären die Almen nicht mehr bewirtschaftet, würde sich der angrenzende Wald diese einzigartige Kulturlandschaft in wenigen Jahren zurückerobern.

 

Atemberaubendes Bergpanorama: die Alm

Alm
CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1297502

Schwäbische Alb

 

Burgen, Ruinen, Wälder und Höhlen: Als „Blaue Mauer“ beschrieb der Lyriker und passionierte Wanderer Eduard Mörike die Schwäbische Alb. In seinem Märchen „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“ schickt er den Schustergesellen Seppe auf die Walz über die Alb. Heute können Wanderer diese einzigartige Kulturlandschaft, die über Jahrhunderte durch menschliches Wirtschaften geprägt wurde, auf dem Eduard-Mörike-Weg erkunden. Nachweisbar ist, dass bereits im 8. Jahrhundert Dreifelderwirtschaft in Südwestdeutschland betrieben wurde.

 

Landschaft für Wanderer: unterwegs auf der Schwäbischen Alb

Schw Alb
Rainer Zenz, Burg_Hohenzollern_mit_Schwarzwald2.JPG, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13047127

Mosel

 

Extreme Steilhänge, beschwerliche Handarbeit: Ende September beginnt die Weinlese im ältesten Weinanbaugebiet Deutschlands. Eine neue Generation junger, experimentierfreudiger Winzer produziert heute mit ihrem Wissen über die besonderen klimatischen und geologischen Bedingungen der Region Weine, die zu den besten der Welt gehören. Doch bereits seit der Römerzeit wird an den steilen Sonnenhängen der Mosel professioneller Weinbau betreiben. Die Winzer terrassierten in mühsamer Handarbeit den Hang mit hohen Trockenmauern, die die Sonnenwärme des Tages speichern und sie nachts wieder abgeben. Die für die Region typischen Weinbergterrassen prägen das einzigartige Landschaftsbild bis heute.

 

Die Lese beginnt: Moselwein reift an Sonnenhängen

Mosel
Friedrich Petersdorff – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8938732

 

Münsterländer Parklandschaft

 

Weit verstreute Einzelhöfe, Wasserschlösser, Hecken, Baumreihen und Ufergehölze: Die parkähnliche Landschaft des Münsterlands ist ebenso lebenswert für ihre Bewohner wie anziehend für Besucher. Über Jahrhunderte hinweg wurden Bäche von Landwirten begradigt und mit Dämmen gesichert, kleine Wälder zur Gewinnung von Brenn- und Bauholz genutzt und Wallhecken zum Schutz der Ackerflächen angelegt und gepflegt. So entstand ein völlig neuer Landschaftstyp, der als charakteristische Kulturlandschaft weit über das Münsterland hinaus bekannt ist.

 

Kein Kunstprodukt: die Münsterländer Parklandschaft

Parklandschaft
Günter Seggebäing, CC BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33291471