Mit einem zischenden Geräusch bewegt sich der metallene Arm des Roboters unter Kuh Telse. Die darauf montierte Kamera fährt in Richtung Euter. Ein roter Laserstrahl wandert langsam über eine von Telses vier Zitzen. Dann gleitet ein Melkbecher von unten auf die Zitze zu und setzt sich passgenau darauf. „Der Melkroboter ortet genau, wo die Zitze sitzt. Diese wird dann im Becher zunächst mit lauwarmem Wasser gespült. Das reinigt sie und regt zugleich den Milchfluss an“, sagt Agnes Greggersen. Die 26-jährige Landwirtin steht in Arbeitskleidung und Gummistiefeln neben dem Melkroboter im Kuhstall ihrer Eltern im schleswig-holsteinischen Schwackendorf. Sie streichelt das Tier, das gelassen in der Melkbox frisst, und kontrolliert dabei zugleich die Werte auf dem Bildschirm, der seitlich am Roboter angebracht ist.

 

Das Gerät arbeitet inzwischen weiter. Es säubert automatisch eine Zitze nach der anderen und setzt dann die vier Melkbecher an, die über ein Vakuum Milch absaugen und diese über Schläuche einem Behälter zuführen. Auf dem Display sind jetzt mehrere Säulendiagramme zu sehen. Sie veranschaulichen in Echtzeit die augenblickliche Milchleistung von Telse. „Der Computer misst genau, wie viel Milch über welche Zitze fließt und gleicht den Ist- mit dem Sollzustand ab“, erklärt Agnes Greggersen. Über einen Sensor, den jede Kuh am Halsband trägt, erkennt der Computer, welches Tier er vor sich hat. Und ebenso, ob es eventuell zweimal hintereinander in die Box läuft. Dann setzt er die Melkbecher nicht an. Und es gibt kein Futter. Sämtliche Daten, die der Melkroboter erfasst, werden im System gespeichert. Zum Beispiel, wenn die Kuh zu wenig frisst. „Das Sammeln der Daten im Computersystem gibt uns die Möglichkeit, jedes Tier genau zu beobachten und es individuell zu betreuen. Frisst eine Kuh etwa zu wenig Kraftfutter, ist sie vielleicht krank und wir können den Tierarzt rufen. Gibt sie zu wenig Milch, hat das auch seinen Grund“, ergänzt Agnes Greggersen.

Landwirtin steht am Melkroboter Agnes Greggersen kontrolliert auf dem Display des Melkroboters den Milchfluss. © Forum Moderne Landwirtschaft

Früher Start in den Tag

Kuh Telse, die immer noch friedlich in der Gitterbox des Melkroboters Roboters steht und aus dem Futtertrog entspannt vor sich hin kaut, kümmern solche technischen Finessen wenig. Aber ihr Milchfluss liegt heute etwas über dem Soll. Ein gutes Zeichen. Auch ihr Euter ist gesund. „Sonst würde der Computer ein Signal an mein Smartphone senden und die Milch würde gar nicht erst in den großen Milchtank geleitet werden“, so Agnes Greggersen. Die Landwirtin, die sich selbst als ein bisschen „kuhverrückt“ bezeichnet, ist mit Milchwirtschaft bestens vertraut. Bereits von Kindesbeinen an hilft sie mit ihren zwei Schwestern Freia und Helene auf dem Hof ihrer Eltern. Derzeit studiert sie allerdings „hauptberuflich“ Agrarmanagement an der Fachhochschule Kiel, denn später einmal möchte sie den Betrieb übernehmen und weiterführen.

 

Landwirtin kontrolliert den Milchfluss an einem Melkroboter

Wie viel Milch hat Kuh Telse heute gegeben? Und wie war der Milchfluss jeder einzelnen Zitze? Der Melkroboter verschafft dem Landwirt einen genauen Überblick über die Milchleistung jeder Kuh. Telse liegt aktuell über dem erwarteten Soll. © Forum Moderne Landwirtschaft

 

Heute ist sie früh im Stall, denn es sind Semesterferien. Um 7 Uhr morgens schaut Agnes Greggersen noch etwas müde aus. Kein Wunder, denn sie ist bereits seit mehr als einer Stunde auf den Beinen: „Mein Tag im Stall beginnt um 5:30 Uhr“, so die junge Landwirtin. „Das Futter für die Kühe muss vorbereitet, der Laufstall gesäubert und gepflegt, die Kälber gefüttert werden.“ Um 7:30 Uhr heißt es dann: Frühstückspause – bevor es um 8 Uhr weitergeht bis zum Mittag. Denn 120 Milchkühe wollen von den Greggersens täglich versorgt, gemolken und gepflegt werden. Eine Menge Arbeit. Doch das stört Agnes Greggersen nicht: „Die Arbeit im Stall und ist sehr abwechslungsreich, kein Tag ist wie der andere. Außerdem: Morgens auf dem Hof den Kiebitzen zuhören – wer kann das schon?“

 

Melkroboter sorgen für mehr Flexibilität

Seit fast 300 Jahren wird der Hof Greggersen von der Familie bewirtschaftet. Melkroboter gibt es dort allerdings erst seit 2009. „Vorher hatten wir einen Melkstand, an dem zehn Tiere gleichzeitig gemolken werden konnten“, erläutert Agnes Greggersen und ergänzt: „Mit dem Melkroboter sparen wir nicht unbedingt Zeit ein. Aber unsere Arbeit hat sich durch sie sehr verändert. Wir sind deutlich flexibler geworden. Wir können die Tiere viel intensiver beobachten und uns persönlich ganz anders um sie kümmern als früher.“ Die Milchkühe trotten währenddessen selbstständig zu den zwei Robotern. Vor einer der Gitterboxen hat sich sogar eine kleine Schlange gebildet. Rund um die Uhr lockt dort das Futterschrot im Trog. Aber das ist nicht der einzige Grund für den freiwilligen Gang der Tiere in die Box: „Bei vollem Euter verspüren die Tiere einen unangenehmen Druck, von dem sie sich natürlich so schnell wie möglich befreien wollen“, so Agnes Greggersen. Jede Kuh kann mit dem Roboter außerdem ihrem eigenen Tagesrhythmus nachgehen. „Die Morgenmuffel unter den Tieren etwa finden sich gern später oder nachts zum Melken ein.“

Zwei bis vier Mal täglich werden die Kühe auf dem Hof der Greggersens gemolken. Über den Tag hinweg gibt jede Kuh insgesamt etwa 25 Liter Milch. Die Greggersens halten ausschließlich Angler Rinder, eine regionale Rotvieh-Rasse, die bekannt ist für besonders eiweiß- und fetthaltige Milch. Damit sie freiwillig in die Melkbox geht, muss jede Kuh zuvor allerdings eintrainiert werden. Dazu wird sie einige Male in der Box gefüttert und noch nicht gemolken. Denn nicht nur an die automatisch fixierten Melkbecher, auch an die Geräusche des Roboters müssen sich die Tiere erst gewöhnen. Doch das geht schnell, weiß Agnes Greggersen zu berichten: „Bereits nach wenigen Stunden trotten die Kühe meist schon ohne zu zögern in die Box und fressen dort entspannt.“

Landwirtin und Familie frühstücken gemeinsam 7:30 Uhr: Zeit für das Frühstück. Familie Greggersen kann die gemeinsame Mahlzeit unbeschwert genießen, denn die 120 Milchkühe sind bereits versorgt. © Forum Moderne Landwirtschaft

Ein Leben für die Kühe – mit den Kühen

So verstreichen die Stunden wie im Flug. Einige Tiere fressen, andere schubbern sich an den dafür vorgesehenen Bürsten im Stall, andere gehen zum Melkroboter oder ruhen bequem auf Matten, die auf dem trockenen Spaltenboden speziell dafür ausgelegt wurden. Wäre es Sommer, könnten sie vom Melkroboter aus direkt nach draußen auf die Wiese laufen. Im Winter aber bleiben sie drinnen. „Kühe sind Schönwettertiere“, sagt Agnes Greggersen und streckt ihre Hand aus. Eine Kuh kommt mit großen Augen auf die Landwirtin zu, beschnuppert ihre Hand und beginnt, sie abzuschlecken. „Das ist Maja, mein ganz spezieller Liebling. Jede Kuh hat für mich etwas Besonderes, aber diese ist völlig auf mich fixiert und kommt immer gern, um sich kraulen zu lassen“, sagt Agnes Greggersen

Es ist 12 Uhr. Zeit für das Mittagessen. Doch vor Agnes Greggersen und ihre Familie liegen noch einige Stunden Arbeit. Erst gegen 18 Uhr, wenn das letzte Tier versorgt, erneut kontrolliert und gefüttert ist, heißt es Feierabend. Und auch danach muss die Landwirtin häufig noch einmal in den Stall. Doch das macht ihr nichts aus. „Wir leben mit unseren Kühen und für unsere Kühe. Wenn es den Tieren gut geht, haben wir ebenfalls etwas davon, denn sie geben mehr Milch“, sagt die bekennende Rindernärrin.

 

Milchwagen holt Milch von einem Milchviehbetrieb 7 Uhr morgens: Noch ist es dunkel draußen, aber der Wagen fährt trotzdem pünktlich vor, um die gekühlte Milch zur Molkerei zu bringen. © Forum Moderne Landwirtschaft