„Schädlinge zu begreifen ist nicht leicht. Der Klimawandel, Resistenzen und neu aufkommende Arten stellen einen immer wieder vor neue Herausforderungen“, sagt Dorota Baraniecka. Doch die 39-Jährige schaut dabei nicht verzweifelt drein. Im Gegenteil. Aus den blauen Augen der Pflanzenschutzexpertin spricht die Leidenschaft für ein nicht ganz alltägliches Fachgebiet: für Motten und Käfer, Läuse, Wanzen, Schnecken und Hummeln. Sie streicht sich die Haare hinter die Ohren und betont: „Mir macht mein Job einfach riesigen Spaß.“

Ursprünglich studierte Dorota Baraniecka Gartenbau, aber in der fast 20 Hektar großen Gewächshausanlage von Gemüsebau Steiner im bayerischen Kirchweidach ist sie die Herrin des Insektenreichs. Denn schaut man einmal genau hin, sieht man es zwischen den Tomatenstauden, an Gurkenblättern oder auf Paprikapflanzen knabbern und kriechen, schlüpfen und fliegen. Hier haben Larven Löcher in ein grünes Blatt gefressen, dort bringen Weiße Fliegen mit ihren Ausscheidungen Pflanzen zum Schimmeln. In der professionell geführten Gewächshausanlage, die vor allem REWE-Filialen in Bayern fast das ganze Jahr hindurch mit nachhaltig produziertem regionalem Gemüse und auch Erdbeeren beliefert, sind solche Schädlinge natürlich nicht gern gesehen. Denn nur eine gesunde Pflanze liefert einen guten Ertrag, und der Verbraucher bevorzugt sein Gemüse im Supermarkt ohne Makel. Möglichst perfekt halt.

Nützlinge gegen Thripse und Larven

„Die Hauptschädlinge, mit denen wir momentan zu kämpfen haben, sind die Weiße Fliege, eine Mottenschildlaus, sowie Blattläuse“, sagt die Pflanzenschutzexpertin – und wendet dabei das Blatt einer Paprikapflanze nach oben. Auf der Unterseite finden sich wie zur Bestätigung kleine weiße Punkte, die sich im Licht bewegen. „Über die Außenfenster gelangen auch immer wieder Thripse in das Gewächshaus“, erzählt Dorota Baraniecka. Diese winzigen schwarzen Gesellen, auch „Blasenfüßler“ oder „Gewittertierchen“ genannt, schädigen Blätter und Gemüse vor allem optisch. Weitaus gefährlicher ist der Maiszünsler, der zwar am liebsten Maispflanzen heimsucht, aber auch an anderen Kulturpflanzen großen Schaden anrichten kann. „Seine Larven fressen sich durch die Stängel, sodass diese leicht abbrechen können.“

Doch Dorota Baraniecka wäre keine Pflanzenschutzexpertin, wenn sie nicht Abhilfe wüsste. Und die kommt in Gestalt von Nützlingen, den natürlichen Feinden der Schädlinge. „Wir setzen im Gewächshaus gegen Blattläuse vor allem Raubwanzen ein, insbesondere die Gattungen ,Macrolophus‘ und ,Orius-Blumenwanzen‘“, erzählt sie begeistert. Gegen die Weiße Fliege seien Schlupfwespen besonders wirksam, die ihre Eier parasitär in die Eier des Schädlings legen und diesen damit zum Wirt ihrer Larven machen.

Laufende Kontrolle ist wichtig

Der heutige Tag ist für Dorota Baraniecka ein besonderer: „Wie in jeder Woche wird dienstags unsere Biologie vom Händler geliefert. Denn wir setzen im Gewächshaus nach Möglichkeit keinen chemischen Pflanzenschutz ein. Das würde die sorgfältige aufgebaute Biobalance im Gewächs stören.“ Freudig aufgeregt hockt die Schädlingsexpertin deshalb vor ein paar weißen Styroporkästen. Temperaturisoliert liegen darin – eingepackt in braune Papiertüten – kleine zylindrische Pappdosen. „Hier haben wir eine frische Lieferung Schlupfwespen“, freut sich Dorota Baraniecka. Damit die kleinen Parasiten nicht zu früh schlüpfen, müssen die Kapseln beim Transport möglichst auf fünf Grad Celsius gekühlt sein. Später sollte die Außentemperatur für diese Nützlinge nicht zu warm sein, denn bei Wärme von über 15 Grad werden die Schlupfwespen träge.

Inzwischen hat sie eine der braunen Papiertüten aus dem Styroporbehälter genommen und geht damit an einer Reihe Paprikapflanzen entlang. In unregelmäßigen Abständen – insbesondere dort, wo ein stärkerer Befall von Blattläusen erkennbar ist – befestigt sie geöffnete Schlupfwespen-Röllchen mit Klebeband auf der Folie des Kokosfaser-Substrats, das die Pflanzen ernährt. Hilfe erhält die engagierte Pflanzenschutzexpertin des Gewächshauses Steiner allerdings noch von ganz anderer Seite: „Gute Insekten wie Schweb- oder Florfliegen und Marienkäfer kommen ebenfalls durch die offenen Lüftungsfenster hinein und machen sich im Gewächshaus nützlich“, berichtet sie.

Fleißige Hummeln bestäuben die Blüten

Da Nützlinge wie die Schlupfwespen nur etwa zehn Tage lang leben, müssen sie regelmäßig ersetzt werden. Nicht nur am Dienstag ist Dorota Baraniecka deshalb ständig im Gewächshaus unterwegs, um Schäden zu kontrollieren und Populationen zu erneuern. Unterstützt wird sie dabei von den Mitarbeitern des Gemüsebaus Steiner, die sie in Sachen Schädlinge regelmäßig schult. Dann sind da noch die Hummeln, die im Gewächshaus zur Bestäubung der Pflanzen eingesetzt werden. Und das aus gutem Grund: „Hummeln sind im Gegensatz zu Bienen nicht aggressiv, was unsere Mitarbeiter natürlich sehr zu schätzen wissen. Außerdem sind Hummel-Arbeiterinnen fleißiger und fliegen weiter als das Bienenvolk, denn sie kommunizieren beim Ausschwärmen nicht untereinander“, so Dorota Baraniecka. Rund acht Wochen lebt ein Hummelvolk zusammen. Dann stirbt in der Regel die Königin – und das etwa 70 Hummeln starke Volk zerfällt. Dann ist es Zeit für die Pflanzenschützerin, einen neuen Hummel-Kasten anzulegen. Auch das will genau beobachtet sein.

Biologischer Pflanzenschutz unterstützt Käfer und Wespen

Doch was ist, wenn die von ihr betreuten Nützlinge sich gegen aggressive Schädlinge nicht durchsetzen können? Kommt dann doch chemischer Pflanzenschutz im Gewächshaus zum Einsatz? „Ergänzend zu den Nützlingen setzen wir erst einmal andere Mittel ein. Wasserstoffperoxid und Natron gegen Mehltau etwa oder verschiedene insektenpatogene Pilze“, erläutert Dorota Baraniecka. Chemische Pflanzenschutzmitteln seien im Gewächshaus bisher erst ein- oder zweimal verwendet worden – um eine Epidemie zu verhindern. „Und das auch nur punktuell. Wir möchten doch unsere Biologie nicht durcheinanderbringen“, spricht die Insektenfreundin. Und wie zur Bekräftigung ihrer Worte schiebt sie die Blätter einer großen Gurkenstaude zur Seite und verschwindet mit dem Kopf in dem für sie ganz besonderen Gemüse-Dschungel.