Ein feiner, transparenter Gummischlauch mündet in ein kleines Tropfröhrchen. Dieses wiederum steckt aufrecht in einem von Plastikfolie umhüllten Block Kokosfaser-Substrat. Und daraus rankt eine Tomatenpflanze empor, die bereits pralle, rote Früchte trägt. Tröpfchenweise wird dem Gewächs durch den Schlauch Wasser zugeführt, das aus einer Leitung unterhalb der Pflanzreihe stammt. Ein selbstregulierendes System: „Die Pflanze holt sich, was sie täglich braucht. Das betrifft sowohl die Wasserzufuhr als auch den Bedarf an Nährstoffen wie Stickstoff oder Spurenelemente“, sagt Wolfgang Steiner. Seit 2014 betreibt der 24-Jährige zusammen mit seinem Vater Josef im bayerischen Kirchweidach den Gemüsebau Steiner. Eine der größten und zugleich umweltfreundlichsten Gewächshaus-Anlagen Deutschlands. Hier, im nördlichen Chiemgau, bauen die beiden gebürtigen Österreicher auf fast 20 Hektar Fläche Tomaten, Paprika, Erdbeeren und neuerdings auch Gurken an. Hauptabnehmer sind die bayerischen Filialen der REWE-Gruppe, welche die Steiner-Produkte unter der hauseigenen Marke „REWE Regional“ in ihrem Sortiment führen.

„REWE Regional“, das steht für frisches Obst und Gemüse aus der Region. Und Gemüsebau Steiner ist ein Flaggschiff des Labels, denn regionale Produktion wird hier von Vater und Sohn Steiner auf verschiedenen, eng ineinandergreifenden Ebenen systematisch betrieben. „Nachhaltigkeit und Qualitätsbewusstsein – das sind die wesentlichen Faktoren, die uns beispielsweise von den Gewächshäusern in den Niederlanden unterscheiden. Im Gegensatz zu solchen Betrieben setzen wir ganz bewusst auf Klasse statt Masse“, erläutert Wolfgang Steiner und bekräftigt seine Worte, indem er herzhaft in eine saftige, rote Roma-Tomate beißt, die er im Vorbeigehen von einer Staude des Gewächshauses pflückt.


Steiner Gemüsebau

Seit 2016 führt der 24-jährige Wolfgang Steiner das operative Geschäft in dem Familienbetrieb in Kirchweidach. Vater und Sohn entschieden sich für die bayerische Gemeinde, da sie das hiesige Erdwärmesystem sinnvoll mit nutzen können. © Forum Moderne Landwirtschaft

Regenwasser nährt die Pflanzen

Der Wasserkreislauf in dem großen, hellen Gewächshaus mit seinen schier endlos wirkenden schmalen Reihen ist ein Beispiel dafür. Denn dieser ist vollkommen autark konzipiert: „Über das Dach der Anlage fangen wir das Regenwasser auf, leiten es in ein großes Außenbecken und von da aus in große Wassertanks. Diese wiederum fassen zusammen bis zu 50.000 Kubikmeter“, erklärt Wolfgang Steiner. Ein weitläufiges Leitungssystem bringt das Wasser anschließend unter Zugabe von Nährstoffen zu den Pflanzen. Dabei geht kein Tropfen Wasser verloren. Denn die von den Tomaten, Paprikapflanzen oder Erdbeeren nicht verbrauchte Flüssigkeit wird über ein Drainagesystem rückgeführt, in einer UV-Anlage entkeimt und wieder in das Außenbecken geleitet, damit es erneut verwendet werden kann. Zugleich analysiert ein computergesteuertes Messsystem exakt, wie viel Wasser und Nährstoffe jede einzelne Pflanze verbraucht. „Bewusst führen wir den Pflanzen dabei jeweils etwa 20 Prozent mehr Wasser und Nährstoffe zu als sie benötigen. Auf diese Weise lässt sich ein eventuell erhöhter Bedarf genau ermitteln.“ Bisher habe das aufgefangene Reservoir an Regenwasser für die Bewässerung der Anlage stets gereicht, sagt Wolfgang Steiner, der seit 2016 das operative Geschäft bei Steiner Gemüsebau leitet. „Das galt sogar für das besonders trockene Jahr 2015. Für unerwartete Trockenperioden steht jedoch ein Brunnen auf unserem Gelände bereit.“

Licht, Luft, Feuchtigkeit und Temperatur

Doch die durchdachte und nachhaltige Steuerung des Gemüseanbaus in der Gewächshausanlage geht noch deutlich über das Bewässerungssystem hinaus, wie Wolfgang Steiner stolz erläutert. „Sie fängt bereits mit der Auswahl der Sorten an. Manche Pflanzen liefern zwar einen niedrigeren Ertrag, haben dafür aber einen viel intensiveren Geschmack“, so der 24-Jährige, während er dynamisch durch die Gänge des Gewächshauses schreitet und dabei immer wieder die roten Früchte prüfend betrachtet. „Aktuell bauen wir hier in enger Abstimmung mit unserem Partner REWE geschmacksintensive Sorten an, die wir von März bis Dezember ernten.“

Weitere Faktoren, die über Gedeih und Verderb im Gewächshaus bestimmen, sind Sonneneinstrahlung, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Temperatur. Im Dach der Anlage wurde daher ein spezielles Glas verbaut, das Licht diffus bricht und so auch in die unteren Regionen der Pflanzen lenkt. Die Luftfeuchtigkeit und der Windeinfall im Gewächshaus hingegen lassen sich über elektronisch gesteuerte Fenster regeln. Beheizt werden die Gewächshäuser – und das wiederum ist ein Clou der Anlage – über Geothermie. „Wir nutzen zu 100 Prozent die Erdwärme der Gemeinde Kirchweidach. Sie wird über etwa 120 Grad warmes Thermalwasser aus 4.000 Metern Tiefe gewonnen“, sagt Wolfgang Steiner und ergänzt, dass das Geothermie-Projekt der Gemeinde der Hauptgrund für ihn und seinen Vater gewesen sei, sich in dem Ort niederzulassen. „So können wir unsere gesamte Fläche absolut C02-frei beheizen.“ Zusätzliche Wärme liefert eine benachbarte Biogasanlage. Eine Fotovoltaikanlage liefert Strom für den Eigenbedarf.

Exakt gesteuert und geregelt werden Temperatur, Feuchtigkeit, Bewässerung und Belüftung der Anlage zentral über einen Klimacomputer. „Dieser wird von unseren Gartenbauspezialisten laufend kontrolliert und feinjustiert“, so der studierte Informatiker Wolfgang Steiner. Und damit das ökologisch fein aufgebaute System durch Pflanzenschutzmittel nicht aus dem Gleichgewicht gerät, setzen die Steiners zur Bekämpfung von Pflanzenschädlingen wie der Weißen Fliege fast ausschließlich Nützlinge, etwa Schlupfwespen, und andere Maßnahmen, zum Beispiel Mottenfallen, ein. Die Bestäubung der Pflanzen wiederum übernehmen fleißige Hummelvölker, sorgsam betreut von der auf biologischen Pflanzenschutz spezialisierten Mitarbeiterin Dorota Baraniecka.

Reiche Ernte durch behutsame Pflanzenpflege

Die liebevolle Rundumversorgung der Pflanzen im Steiner’schen Gewächshaus zahlt sich aus: Rund 6.000 Tonnen Gemüse und Erdbeeren betrug die Ernte 2016. Und rund drei Jahre nach der Eröffnung der Anlage beschäftigt der Betrieb 160 fest angestellte Mitarbeiter, die alles per Hand anpflanzen, pflegen und ernten. Auch an diesem sonnigen Julitag pflücken Mitarbeiter des Betriebs die im Januar angepflanzten Tomaten und legen sie vorsichtig auf Wagen, die sich samt der Pflücker per Knopfdruck bis zu den Spitzen der bis zu vier Meter hohen Ranken hochfahren lassen. Die Tomatenernte bei Gemüsebau Steiner läuft von März bis Ende November. Dann werden die Pflanzen entfernt und kompostiert. „Damit die Kunden auch im Winter regionales Gemüse in ihrer REWE-Filiale kaufen können, bewirtschaften wir im Winter zusätzlich 2,2 Hektar, die mit Assimilationslicht beleuchtet werden. Das ist zwar etwas teurer, es wird aber von den Kunden honoriert. So können wir das gesamte Jahr über frisches Gemüse ausliefern“, freut sich Wolfgang Steiner. Und um die regionalen Produkte aus Kirchweidach möglichst knackig und frisch in den Supermarkt bringen, werden sie gleich vor Ort sortiert, verpackt und über kurze Wege innerhalb Bayerns ausgeliefert. „Tomaten zum Beispiel lagern durchschnittlich maximal zwei Tage bei uns.“

Pilotprojekt Bio-Anbau

Bei aller Nachhaltigkeit des Konzepts – bisher ist der Anbau auf dem Steiner’schen Betrieb noch konventioneller Natur. Künftig möchten die beiden daher zusätzlich mit biologischem Anbau beginnen. „Mein Vater ist bei uns der Visionär. Er kümmert sich gerade intensiv um unser Bio-Projekt, das 2018 an den Start gehen soll“, verrät Wolfgang Steiner. Wesentlicher Unterschied zu der bestehenden Anbaumethode: Statt in Kokosfaser-Blöcken werden die Pflanzen dann auf humusreichem Mutterboden wachsen. Auch darf im Bio-Gewächshaus ausschließlich biologischen Dünger benutzt werden. Der Bau eines etwa 5,5 Hektar großen zusätzlichen Gewächshauses ist bereits geplant. Der dafür benötigte Mutterboden wird derzeit auf einer Blumenwiese aufgebaut. „Der Boden ist im Bioanbau das A und O“, weiß Wolfgang Steiner und ergänzt: „Er ist im ökologischen Anbau deutlich schwieriger zu kultivieren als in der konventionellen Produktion. Die Bewässerung lässt sich nicht so exakt steuern, daher kann auf sich ändernde Witterungsbedingungen nicht so schnell reagiert werden.“ Auch der biologische Pflanzenschutz und die biologische Düngung erfordern sehr viel Fingerspitzengefühl. Doch dieser Herausforderung stellen sich die Steiners gern. Denn im Mittelpunkt ihres Tuns steht für Vater Josef ebenso wie für seinen Sohn Wolfgang stets die ökologische Sinnhaftigkeit.

Steiner