Wissenschaftler des Julius Kühn-Instituts (JKI) in Braunschweig forschen an einer Alternative zum Mais: der Durchwachsenen Silphie. Die Energiepflanze bringt in einigen Regionen ähnlich hohe Erträge. Gleichzeitig schont sie die Umwelt, weil es Hinweise gibt, dass ihr tiefes und dichtes Wurzelsystem überschüssige Nährstoffe aufnimmt, bevor sie ins Grundwasser gelangen können.

 

Versuchsfeld

Kerstin Panten und Siegfried Schittenhelm laufen durch das Versuchsfeld. Links die Durchwachsene Silphie, rechts der Mais. © Forum Moderne Landwirtschaft
 

Dr. Siegfried Schittenhelm und Dr. Kerstin Panten stehen auf ihrem Versuchsfeld. An diesem Tag ist es bewölkt und regnerisch vor den Toren Braunschweigs. Die Pflanzen links und rechts freuen sich über den Regen. Sie sind mehr als einen Meter größer als die beiden Forscher. Nur ein Grasweg trennt das eine Feld vom anderen. So direkt nebeneinander wirkt die Durchwachsene Silphie wie ein echter Ersatz für den Mais.

„Wir sind auf der Suche nach Alternativen zum Mais, wenn es um die Bereitstellung von Substraten für die Biogasproduktion geht“, sagt Siegfried Schittenhelm. Schon in der ehemaligen DDR wurde an der Silphie geforscht. Damals war man an ihr als Futterpflanze für Wiederkäuer interessiert: „Die Versuche wurden aber nicht weiter verfolgt. Das raue Blatt kam bei den Rindern nicht so gut an.“

Mit ihren Versuchen sind Siegfried Schittenhelm und Kerstin Panten bislang hochzufrieden. Seit fünf Jahren beschäftigen sich die beiden Forscher zusammen mit ihrem sechsköpfigen Team am Julius Kühn-Institut (JKI), dem Bundesinstitut für Kulturpflanzen, mit der Durchwachsenen Silphie. Ihren besonderen Namen verdankt sie übrigens ihrem Aussehen: Der Stängel scheint die an der Basis miteinander verwachsenen Blattpaare zu „durchwachsen“.
 

Gewächs mit vielen Vorzügen

Die Durchwachsene Silphie, die auch unter dem Namen „Becherpflanze“ bekannt ist, kann es mit Mais in Sachen Energiegewinnung unter bestimmten Bedingungen durchaus aufnehmen. „Darüber hinaus hat sie viele Vorteile, die der Mais nicht bieten kann. Die sonnengelb-strahlenden Blüten ziehen zum Beispiel viele Insekten an“, sagt Siegfried Schittenhelm. „Es gibt nur noch wenige blühende Pflanzen auf unseren Feldern. Der Raps beispielsweise, doch der blüht im Mai. Die Silphie hingegen ist aber relativ spät von Juli bis zur Ernte im September dran. Sie bietet so Ernährungsmöglichkeiten für eine Vielzahl von Insekten, denen zu der Zeit in der Landschaft wenig anderes zur Verfügung steht.“ Imker sind begeistert, dass ihre Bienen in dieser trachtarmen Zeit auch Nektar und Pollen finden.

Die Silphie benötigt viel Wasser. Dann kann sie sogar einen ähnlichen Ertrag wie Mais erbringen. Viel Regen gibt es vor allem in höheren Lagen. Siegfried Schittenhelm berichtet: „Eine Idee ist, die Durchwachsene Silphie in den Hanglagen der Mittelgebirge anzubauen, wo sie zum einen genügend Wasser hat und zum anderen als Dauerkultur die Böden vor Erosion schützt.“ Die Pflanze tut also auch dem Boden gut. Sie wird nämlich nur einmal ausgesät und lässt sich dann über 10 bis zu 15 Jahre nutzen. Der Boden muss nicht bearbeitet werden und auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist bei dieser gesunden und konkurrenzstarken Pflanze kaum nötig.

Während die beiden Wissenschaftler durch ihr Versuchsfeld in Braunschweig laufen, machen sie auch auf ihr aktuelles Forschungsprojekt aufmerksam. Dabei geht es um die Auswirkungen auf das Grundwasser. Momentan gehen sie davon aus, dass bei der Durchwachsenen Silphie die Gefahr von Nitrateinträgen wegen der tiefen und intensiven Durchwurzelung, dem hohen Wasserverbrauch und der langen Begrünung deutlich niedriger ist als beim Mais.

Im Institut in Braunschweig gibt es ein Auffangbecken für Erosionswasser und es werden Bodenproben genommen, um genau das zu testen, erklärt Kerstin Panten: „Die Silphie wirkt wie eine Zwischenfrucht. Normalerweise werden diese extra in den Boden eingesät, um über den Winter den verbleibenden Stickstoff aufzunehmen. Das macht die Silphie in einem Zuge: Sie treibt nach der Ernte erneut aus, nimmt überschüssigen Stickstoff auf, setzt diesen in Biomasse um und steht im Folgejahr wieder zur Verfügung. Die Wissenschaftler vermuten, dass auf diese Weise weniger Stickstoff ins Grundwasser verlagert wird.“

Grüne Wasserschützerin

Auch sieben Autostunden südwestlich von Braunschweig ist die Begeisterung über die Pflanze zu spüren und zu sehen. Im Ort Hahnennest nördlich des Bodensees haben sich vier landwirtschaftliche Familienbetriebe zusammengeschlossen. Hier blühen momentan 170 Hektar Durchwachsene Silphie.

Das Landwirtschaftsunternehmen Metzler & Brodmann KG vertreibt die Pflanze unter dem Label „Donau-Silphie“ bundesweit. Es hat maßgeblichen Anteil daran, dass sich die Anbaufläche im vergangenen Jahr von 400 auf 800 Hektar vergrößert hat.

Die Bauern schreckten Anfangs vor dem Anbau zurück. Denn die Silphie ist eine Staudenpflanze, sie muss erst im Boden etabliert werden, deshalb bringt sie erst ab dem zweiten Jahr Ertrag. Ein finanzielles Risiko für viele Landwirte. „Wir haben aus der Not heraus einfach mal versucht, den Mais und die Silphie parallel anzubauen“, zeigt sich Mitinhaber Ralf Brodmann stolz über den Mut: „Es war ein Glücksfall, dass es geklappt hat.“ Auf den Feldern rund um Hahnennest werden die beiden Pflanzen im Etablierungsjahr seit fünf Jahren Seite an Seite mit einem Abstand von nicht mal vierzig Zentimetern angebaut.

Brodmann und sein Geschäftspartner Thomas Metzler bieten ihr Know-how mittlerweile in ganz Deutschland an: „Die Felder werden mithilfe unserer Technik bestellt. Es gibt eine Erfolgsgarantie: Die Landwirte bezahlen das Saatgut erst, wenn die Pflanze im Feld steht.“

Ziel sei es, zukünftig bis zu 15 Prozent der zur Energienutzung bestimmten Flächen in Deutschland mit der Durchwachsenen Silphie zu bestellen. Die Hälfte der bundesweiten Anbaufelder steht aktuell in Bayern und Baden-Württemberg. Es ist die „Donau-Silphie“ von Ralf Brodmann. Der Mann, der mit seiner mutigen Idee der Pflanze möglicherweise zum Durchbruch verholfen und eine echte Alternative zum Mais geschaffen hat.

Silphie