Verluste in Zahlen

Tiere und Pflanzen, die ihren Namen auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) finden, müssen um ihre Existenz bangen. Sie zählen nämlich zu den weltweit 82.845 Spezies bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Viele Arten verschwinden wieder – laut Umweltorganisation WWF rund 70 jeden Tag. Sie sterben einfach aus. Und mit ihrem Verschwinden macht die Biodiversität Verluste. „Dabei versteht man unter Biodiversität nicht nur die Vielzahl der Arten“, erklärt Dr. Andreas Kinser, Referent für Forst- und Jagdpolitik der Deutschen Wildtier Stiftung, „die Vielzahl der Lebensräume und Gene spielt ebenso mit hinein.“

Deutschland hat daneben eine eigene Liste: den Artenschutzreport. Den hat das Bundesamt für Naturschutz (BfN) 2015 veröffentlicht. Darin steht etwa, dass rund 30 Prozent der heimischen Tier-, Pflanzen- und Pilzarten in ihrem Bestand gefährdet sind. Darunter Spezies wie das Auerhuhn, die europäische Sumpfschildkröte, der Fischotter oder die deutsche Feldmaus.

Geschützt werden müssen nicht mehr nur diejenigen Tiere, die ganz oben in der Nahrungskette stehen und gerne gejagt, in fremde Gebiete verschleppt oder etwa durch Straßenbau von anderen Tieren ihrer Art isoliert werden. Längst ist auch bei kleineren Tierarten ein Rückgang der Bestände auszumachen. Eine Konsequenz daraus: Inzucht. Und diese wiederum ist der Tot eines vielfältigen Genpools. „Durch einen großen Genpool ist es Arten überhaupt erst möglich, sich zu verändern, sprich Evolution zu betreiben“, erklärt Dr. Kinser. Sie werden sonst anfälliger für Krankheiten, sind weniger vital, weniger fruchtbar und weniger leistungsfähig. Kurz gesagt: Sie werden immer verwundbarer.

Die Suche nach der Ursache

Die Liste der Gründe für den Verlust an Biodiversität lässt sich weiterführen: Klimaveränderungen gehören dazu, die Ansiedlung nicht-heimischer Arten, die das Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen, und auch die intensive Landbewirtschaftung offener Flächen. Die hat in den vergangenen 40 Jahren hierzulande strukturell wohl die größten Veränderungen mit sich gebracht. Laut Dr. Kinser bringe es aber gar nichts, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen: „Die Landwirte fahren ja nicht morgens aufs Feld und sagen: ,Ich will heute mal ein paar Feldhamster umpflügen!‘ Sie folgen bestimmten Marktmechanismen und politischen Vorgaben. Natürlich profitieren wir von intensiver Landwirtschaft – man schaue sich die Entwicklungen in der Nahrungsmittelproduktion an. Nur wurde bei der Intensivierung eben eines vernachlässigt: die Artenvielfalt.“ 

Der gute Wille

95 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland sind der Ansicht, dass es des Menschen Pflicht ist, die Natur zu schützen. Das ergab eine Studie des BfN aus dem Jahr 2013. Die Sehnsucht nach mehr ist längst da. Man möchte mehr Tiere, mehr Pflanzen, mehr Idylle; gleichzeitig aber auch mehr Straßen, mehr Technik und mehr günstige Lebensmittel. Ganze Lebensräume machen Platz und seltene Tiere gelten oft nur noch als Bauhürden. Hochwasser „überraschen“ an Orten, an denen sie nie da gewesen sind, weil naturnahe Auengebiete immer mehr verschwinden, Böden versiegelt und Flusstäler bebaut werden. Feldvögel finden keine Deckung, Bienen keine Blüten mehr. Das Ausmaß dieser Schäden wird leider oft erst spät – manchmal zu spät – sichtbar.

 

Ganze Lebensräume machen Platz

„Na und“, könnte man meinen. Immerhin sind weltweit 1,8 Millionen Tier- und Pflanzenarten beschrieben. Experten gehen davon aus, dass die Ziffer gar bei 13 bis 30 Millionen unbekannten Arten festzumachen sei. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Reicht das nicht? Und wozu die ewigen Kataloge, wenn momentan ohnehin fünf Tier- und 30 Pflanzenarten die Ernährung der gesamten Weltgemeinschaft sicherstellen? Brauchen wir Feldhase und Luchs eigentlich? „Ja“, meint zumindest Dr. Kinser. „Jedes Tier hat seinen Zweck in der Natur. Auch die Zecke und auch die Mücke. Bestimmt brauchen wir nicht alle Arten in großer Zahl. Aber wir brauchen alle Arten in einer ausreichend hohen Dichte, sodass sie nicht vom Aussterben bedroht sind.“ Allgemein ist für Kinser der Erhalt von Vielfalt vor allem eins: eine Frage der Moral.

 

Was kostet die Welt?

Was wir aber dürfen: das Problem ökonomisch betrachten. Zwischen Investmentfonds, Immobilien und Autos kann eben auch unsere Natur ökonomisiert werden – zumindest in der Theorie. „Die ökonomische Bewertung der Naturleistungen ist sicherlich auch ein Argument für den Erhalt von Artenvielfalt“, so Dr. Kinser. Auf 16 bis 64 Billionen Dollar wird das Naturkapital geschätzt. Alleine die von bestäubenden Insekten abhängige Agrarproduktion weltweit hatte 2010 einen Wert von etwa 153 Milliarden Euro. Die deutsche Hummel brachte für pflanzliche Arzneimittel einen Wert von 1,3 Milliarden Euro. Das sind beachtliche Summen.

Und wenn Geld als Ansporn nicht reicht, dann ist da immer noch die Moral. Wir sollten vielleicht nicht entscheiden dürfen, welche Tiere existieren sollen und welche nicht. Aber wir können entscheiden, in was für einer Welt wir leben wollen, wie wir unsere Umwelt gestalten, was wir essen und mit wem wir unsere Lebensräume teilen möchten. Wer weiß, vielleicht werden wir dann beim Waldspaziergang sogar mal einen Luchs erspähen können. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Was kann für die Artenvielfalt getan werden?


Vier Fragen an Dr. Andreas Kinser, Referent für Forst- und Jagdpolitik der Deutschen Wildtier Stiftung

 

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Was fordern Sie von der Politik, um die Artenvielfalt in Deutschland zu erhalten?

Sinnvoll wäre es, den Landwirten künftig Vertragsnaturschutzmodelle anzubieten, durch die der Naturschutz als Produktionsziel mit einem echten Einkommenseffekt verbunden wird. Auf diese Weise könnten Landwirte ein Einkommen erzielen und gleichzeitig den Natur- und Artenschutz fördern. 

 

Wie kann aktiver Artenschutz aussehen?

An einigen Stellen kann man die Ökologie sehr gut mit der Ökonomie verbinden. Ein Beispiel ist die Energiegewinnung – wenn man etwa anstelle von Mais eine ertragreiche Wildpflanzenmischung anbauen würde. Wildpflanzen bieten viele ökologische Vorteile gegenüber Mais: Sie sind mehrjährig, brauchen dadurch auch weniger Bodenbearbeitung, benötigen keinen chemischen Pflanzenschutzmitteleinsatz und kommen mit unterschiedlichen Düngegaben zurecht. Zudem bieten sie auch im Winter Deckung für Feldvogelarten.

 

Worauf warten wir dann noch?

Die Wildpflanzenmischungen haben zwar mittlerweile ähnliche Trockenmasseerträge pro Hektar wie der Mais, allerdings ist ihre Methanausbeute etwas geringer. Würde man die monetäre Differenz dem Landwirt zum Beispiel durch eine erhöhte Vergütung des Stroms aus Wildpflanzenbiomasse ausgleichen, würden wir es auch schaffen, Naturschutz als Einkommenseffekt für die landwirtschaftlichen Betriebe zu nutzen.

 

Wie wird die Welt in 100 Jahren aussehen? Was hoffen und was befürchten Sie?

Ich hoffe, dass wir vielfältige und bunte Landschaften haben werden, in denen wir unsere Nahrungsmittel produzieren und die gleichzeitig ein geeigneter Lebensraum für unsere Tier- und Pflanzenarten sind. Ich befürchte, dass wir geteilte Landschaften haben werden: In einem Teil wird hochintensiv produziert, im anderen Teil wird Natur- und Artenschutz betrieben.