Meterhohe Regale bilden lange, schmale Gänge und beherbergen zahlreiche Einmachgläser mit Samenkörnern. Andreas Börner nimmt ein Glas heraus, auf dem in Großbuchstaben HOR steht und erklärt: „Die Buchstaben bezeichnen die Gattung Hordeum. In diesem Glas befindet sich also Gerste, von der allein wir hier rund 20.000 Samenmuster haben.“ Börner ist Agrarwissenschaftler und spezialisiert auf das Fachgebiet Pflanzenzüchtung. Als Bereichs- und Arbeitsgruppenleiter in der Genbank am IPK kümmert er sich um eine einzigartige Sammlung pflanzengenetischer Ressourcen mit etwa 3.200 Arten und knapp 800 verschiedenen Gattungen. Der Gesamtbestand am Institut beträgt gegenwärtig rund 150.000 Kulturpflanzenmuster. Jegliches Genmaterial von Nutzpflanzen und verwandten Wildarten aus der gemäßigten Klimazone wird hier aufbewahrt und erhalten, mit Ausnahme von Obstgehölzen, Reben und Hopfen. In Gatersleben – ein kleiner Ort in Sachsen-Anhalt – befindet sich damit die größte Genbank für Kulturpflanzen innerhalb der EU.

30.000 Muster werden jährlich in die ganze Welt verschickt

Andreas Börner stellt das Glas mit der Gerste zurück ins Regal der Kühlzelle. „Die Samen in den Einmachgläsern sind sogenannte Aktivmuster“, sagt der Agrarwissenschaftler. Bei Bedarf werden diese immer mal wieder aus der eisigen Kälte herausgeholt und geöffnet, um Proben zu entnehmen und diese auf Nachfrage beispielsweise an Pflanzenzüchter, Forschungsinstitute oder Botanische Gärten zu verschicken. „Wir haben auf unserer Internetseite ein für die Öffentlichkeit zugängliches Dokumentationssystem, über das sämtliches Pflanzenmaterial abgerufen und bestellt werden kann“, erläutert Börner. Rund 30.000 Muster verschickt die Genbank jährlich in die ganze Welt. Gatersleben selbst bezieht das Saatgut größtenteils über Sammelexpeditionen und den Austausch mit anderen Genbanken. Die älteste Samenprobe am Institut ist eine Weizenlandsorte, die 1928 in den österreichischen Albtälern gesammelt wurde.

Die Samen bestimmter Arten überleben bei Minus 18 Grad Celsius maximal 150 Jahre

Da sich das ständige Öffnen der Gläser negativ auf die Keimfähigkeit der Samen auswirkt existiert von jedem Saatgut auch ein sogenanntes Basismuster, schließlich gelangt jedes Mal Wärme und Sauerstoff an das Material. „Diese Muster lagern nicht in Gläsern, sondern vakuumverschweißt in kleinen Aluminiumtüten, damit sie möglichst lange überleben“, so Börner. Ewig hält sich das Saatgut nämlich auch unter den genannten Bedingungen nicht, sondern bei bestimmten Arten „nur“ 100 bis 150 Jahre. „Deshalb prüfen wir regelmäßig die Keimfähigkeit der Samen. Sobald diese abnimmt, müssen wir das Material regenerieren. Das heißt, es wird im Feld oder im Gewächshaus ausgesät und wandert anschließend als neues Saatgut zur Lagerung zurück ins Kühlhaus.“ 

Weitere Sicherheitsmuster werden außerdem auf der norwegischen Insel Spitzbergen aufbewahrt. „Das ist sozusagen unsere externe Festplatte“, scherzt Börner. Der riesige, unterirdische Bunker im stets gefrorenen Fels ist die weltweit größte Samenbank für Nutz- und Kulturpflanzen, denn alle Genbanken können hier ihre Sicherheitsmuster hinterlegen. 

Ein Streifzug durch das Institut und den 80 Hektar großen „Garten“

Langsam aber sicher wird es trotz warmer Jacke ganz schön frisch in dem großen, begehbaren Kühlschrank von Gatersleben. Andreas Börner verlässt die kalte Halle und geht über das Gelände des Instituts. In den Laborräumen prüfen einige wissenschaftliche Mitarbeiter die Keimfähigkeit von Samen. Andere dokumentieren das Wachstum wie beispielsweise Blütezeitpunkt, Fruchtform und -farbe diverser Pflanzen. Die etwa 65 Mitarbeiter der Genbank arbeiten in sechs inhaltlich definierten Bereichen: Getreide, Hülsenfrüchte, Arznei und Gewürzpflanzen, zwei Gruppen Gemüse und das Keimlabor. Draußen, auf den insgesamt 80 Hektar großen Ackerflächen, sind derweil etliche Gärtner mit der Pflege der Pflanzen beschäftigt, die auf dem freien Feld und in Gewächshäusern wachsen. Diese Arbeit ist extrem mühselig: Die Mitarbeiter müssen jegliches Unkraut von Hand beseitigen, die Pflanzen vor Tieren schützen und strengstens darauf achten, dass sich die Individuen unterschiedlicher Gewächse nicht miteinander verkreuzen. Aus diesem Grund ist das Gelände doppelt eingezäunt, die Türen der Gewächshäuser sind stets geschlossen und viele Pflanzen durch Netze geschützt.   

In zahlreichen kleinen Gewächshäusern wachsen Pflanzen zur Samengewinnung. Strengstens wird darauf geachtet, dass sich die unterschiedlichen Kulturen nicht vermischen. Die Türen der Gewächshäuser dürfen daher nur kurz geöffnet werden, um ein Fremdbestäuben der Pflanzen durch eindringende Insekten zu verhindern. © Forum Moderne Landwirtschaft
Auf den Anbauflächen draußen wird ebenfalls mit viel Sorgfalt gearbeitet. Intensive Planung bestimmt, welche Sorten nebeneinander angebaut werden können. © Forum Moderne Landwirtschaft

 

Die Arche Noah der Modernen Landwirtschaft

Die Genbank bewahrt Kulturpflanzen vor dem Aussterben und erhält deren Vielfalt. „Es geht letztendlich aber auch darum, gegen biotischen Stress wie Pilzbefall und abiotischen Stress wie Klimaveränderungen gewappnet zu sein“, fasst Andreas Börner zusammen, als er sich den Kürbisgewächsen auf dem Feld nähert. Er konkretisiert: „Angenommen, eine neue, aggressive Rasse Pilzerreger vernichtet die wenigen Weizensorten, die in der Landwirtschaft derzeit überwiegend angebaut werden. Was tun? In unserer Genbank haben wir 28.000 verschiedene Weizenmuster, die man einkreuzen würde, um das Getreide gegen den Pilz resistent zu machen. Die Genbank von Gatersleben ist somit ein Sicherheitsdepot, sozusagen die Arche Noah der Modernen Landwirtschaft. Sie gewährleistet, dass auch im Falle eines schweren Krieges oder einer Naturkatastrophe Samen für den Anbau von Nutzpflanzen zur Verfügung stehen.

Andreas Börner beugt sich zu den Kürbissen hinunter und begutachtet die Frucht. Dass er selbst draußen auf Feldern unterwegs ist, kommt eher selten vor. Denn in seinem Beruf kümmert er sich vor allem um die organisatorischen Abläufe in der Genbank. Er verbringt viel Zeit am Computer, wenn er nicht gerade aus beruflichen Gründen auf Reisen ist. An der Martin-Luther-Universität in Halle hat er außerdem einen Lehrauftrag. „Dort spreche ich über pflanzengenetische Ressourcen, um den Studenten zu verdeutlichen, wie wichtig die Arbeit der Genbank ist“, sagt er – und verschwindet hinter den hochgewachsen Sonnenblumen. 

Durch tägliche Kontrolle lässt sich beobachten, wie die Pflanzen wachsen; eventuelle Abnormitäten werden frühzeitig erkannt. Dieser Kürbis gedeiht gut und kann bald geerntet werden. © Forum Moderne Landwirtschaft
Sonnenblumen werden hier einzeln in Netze verpackt. Dies verhindert, dass Vögel die Kerne fressen und so monatelange Arbeit zunichte machen. © Forum Moderne Landwirtschaft