„Nichts gewinnt so sehr durch das Alter wie Brennholz, Wein, Freundschaften und Bücher“, sagte einst der englische Philosoph Sir Francis Bacon. Wenn das stimmt, dann ist dieser Weinberg wohl so etwas wie der Hauptgewinn: Der Rhodter Rosengarten ist schon 400 Jahre alt und gehört damit vermutlich weltweit zu den ältesten, noch bewirtschafteten Anbauflächen seiner Art.
 


Am Ortsrand von Rhodt unter Rietburg, etwa 40 Autominuten südlich von Mannheim, liegt ein kleiner, eher unscheinbarer Weinberg. Er ist kaum größer als 600 Quadratmeter – und hat damit ungefähr die Fläche eines Tennisplatzes. Die etwa 300 Gewürztraminer-Rebstöcke, die sich in drei beschaulichen Reihen über den Berg schlängeln, sind knorrig und dazu auch noch viel kleiner als die anderen in dieser Gegend. Und doch hat dieser Rebgarten allen seiner Art in Deutschland etwas voraus, und das ist: Zeit.

Ein Denkmal der Natur

Die Reben hier sind rund 400 Jahre alt. Ihr genaues „Geburtsdatum“ kennt niemand, denn damals gab es noch keine Kartei, in der alle Weinanbaugebiete genau registriert werden – so wie heute. Dafür existieren Kirchenbücher, die bezeugen, dass diese Pflanzen bereits vier Jahrhunderte auf dem hölzernen Buckel haben. Und auch, dass im frühen 17. Jahrhundert, in der Zeit des 30-jährigen Krieges, ein Winzer die Reben hier genauso gesetzt hatte, wie sie heute noch stehen. Damit ist der Rhodter Rosengarten der vermutlich älteste, noch landwirtschaftlich genutzte Weinberg der Welt. „Es gibt sicherlich vereinzelt Rebstöcke, die noch älter sind“, sagt Winzerin Heidi Oberhofer. Ihre Familie, seit Generationen im Weinbau zu Hause, hatte diesen Schatz vor rund 40 Jahren übernommen, damit er erhalten bleibt. Denn dieses Areal ist zweifelsohne etwas ganz Besonderes: Ein grünes Denkmal aus gerade mal ein Meter hohen Pflanzen, das seit 1968 sogar unter Naturschutz steht.

In manchen Jahren bleibt die Ernte aus

Der Ertrag des Rhodter Rosengartens ist niedriger als bei den modernen Rebsorten, die in unmittelbarer Nachbarschaft fast doppelt so hoch wachsen. Mal sind es 100, manchmal auch nur 50 Liter Weißwein, den die Familie Oberhofer pro Jahr nach strengen Bio-Richtlinien aus den Trauben produziert. In manchen Jahren, wenn das Wetter nicht so recht mitspielen mag, bleiben die hübsch gestalteten Flaschen sogar ganz leer. „Die Natur stellt uns jedes Jahr vor neue Herausforderungen, mit denen wir umgehen müssen“, erklärt Heidi Oberhofer. „Der Gewürztraminer ist eine empfindliche Sorte.“ Trotzdem kämen weder sie noch ihr Ehemann, der ebenfalls aus einer traditionsreichen Winzerfamilie stammt, auf die Idee, ihre uralten Weinstöcke in Rente zu schicken oder sie gar durch jüngere, modernere Züchtungen zu ersetzen. „Wir fragen uns oft, was der Berg wohl alles erlebt hat“, sagt Heidi Oberhofer. „Und dann bekommen wir sehr viel Respekt vor den Pflanzen und wissen, dass wir sie einfach erhalten müssen.“

Der Krieg, die Reblaus und andere Krisen

Doch wie ist es gelungen, diese Reben über so viele Jahre zu erhalten? Ein bisschen Glück muss im Spiel gewesen sein – andernfalls hätte man die Weinstöcke, so wie es sonst üblich ist, bereits nach 20 bis 30 Jahren abgeholzt. Warum der Rhodter Rosengarten von diesem Schicksal verschont blieb, ist nicht überliefert. Aber als er ein gewisses Alter überschritten hatte, brachte es wohl kein Winzer übers Herz, die geschichtsträchtigen Pflanzen herauszureißen. Selbst die gefürchtete Reblaus, die sich Ende des 19. Jahrhunderts in der Pfalz ausbreitete und viele Weinstöcke zerstörte, konnte den Reben nichts mehr anhaben. „Zu dem Zeitpunkt waren sie schon ca. 300 Jahre alt“, sagt Heidi Oberhofer. „Die Wurzeln waren bereits so kräftig – da hatte der Schädling gar keine Chance.“

Nur einmal, da ging es dem Weinberg fast an den Kragen. Weil er aus heutiger Sicht nicht wirtschaftlich ist, sollte er einem Parkplatz am Ortseingang weichen. Glücklicherweise kannte die Familie den Wert des Rhodter Rosengartens. Und spätestens seit 2010 das Deutsche Weininstitut in Mainz den Berg als „Höhepunkt der Weinkultur“ ausgezeichnet hat, ist es offiziell: Diese Trauben sind einzigartig.

Ein Wein mit Wiedererkennungswert

Auch geschmacklich zeigt der Urgroßvater der Weinberge gerne, dass er mit seinen jüngeren Kollegen in der Qualität durchaus mithalten kann: „Der Rhodter Gewürztraminer ist trocken, durchgegoren, würzig, aromatisch und duftet nach Rosen“, schwärmt die erfahrene Winzerin. „Ich denke, ich könnte ihn mit verbundenen Augen herausschmecken.“ Neben den Touristen und Gästen, die die Vinothek der Oberhofers regelmäßig besuchen, wissen auch einige Restaurants und Weinkenner den besonderen Tropfen zu schätzen – eine Flasche des Rhodter Gewürztraminers kostet rund 40 Euro. Aber wie sagte bereits Francis Bacon: „Der junge Weinstock gibt mehr Trauben, der alte aber gibt besseren Wein.“