Kuh müsste man sein. Dann könnte man im Stroh entspannen, sich, wann immer es einem beliebt, den Rücken massieren und frischen Wind um die Nase wehen lassen. Man könnte mal alleine und mal in Gesellschaft sein. Man hätte eine Rundum-Betreuung, einen Getränke-Service, bekäme regelmäßig frisches, regionales Essen serviert, die ein Ernährungsberater eigens zusammengestellt hat. Und sogar die Betten würden gemacht werden, mit täglichem Kissenaufschütteln, versteht sich. Ja, wäre man doch nur eine Milchkuh auf dem hessischen Karlshof.

Was wie der All-inclusive-Deal eines tierisch guten Reiseportals klingt, verdanken die Kühe ihrem Landwirt Michael Dörr. Der hat am Morgen alle Hände voll zu tun. Es ist so früh, dass der Tau noch an den Grasspitzen hängt. Um 5 Uhr startet die erste von zwei Melkrunden an diesem Tag. Danach kommt Misten, Organisieren, Telefonieren, das Frühstück mit den Kollegen. Alles, was eben so ansteht in einem Alltag, der absolut nicht alltäglich ist. „Vergnügen Sie sich noch einen Augenblick auf dem Karlshof“, vertröstet später der 42-Jährige seinen 10-Uhr-Termin in deutlichem Hessisch. Spontan musste ein Besuch des Tierarztes eingeschoben werden, der einige Kühe nach der Kalbung noch mal kontrolliert. Dafür haben hier alle Verständnis.

Michael Dörr scheint auf den ersten Blick nicht der typische Landwirt zu sein. Hell, licht, luftig, geräumige Architektur – für Besucher ist der moderne Stall ein Hingucker. © Forum Moderne Landwirtschaft

 

Landwirt aus Berufung

„Ich bin nicht so ein Landwirt wie aus ,Bauer sucht Frau‘. Ich sehe mich gerne als Unternehmer, der mal im Büro, mal im Anzug unterwegs ist und natürlich auch mal dreckig wird“, sagt Dörr. Ganz lässig steht er da, an eine hölzerne Stalltür gelehnt. Er trägt eine grüne Steppjacke über dem weißen Shirt. Genauso gut könnte er einer sein, der um diese Zeit durch die Frankfurter Innenstadt flaniert – wären da nicht die Gummistiefel, an denen Erde und Stroh kleben.

So sieht er also aus, der beste Landwirt Deutschlands. Und er scheint wahrlich für seinen Job zu brennen. Ist Milchviehhalter also ein Traumberuf? Trotz all der Krisen und der schlechten Milchpreise? Für Michael Dörr steht das außer Frage. Schon als kleiner Junge verbrachte er jede freie Minute auf dem elterlichen Hof. Hier konnte er sich beim Traktorfahren oder im Stall verwirklichen. Dass seine Mitschüler ihn auch mal mit Sprüchen wie „der Bauer kommt“ piesackten, störte ihn nicht weiter. Dörr geht seinen eigenen Weg, immer ein bisschen abseits vom Schuss. „Wenn alle Sneakers von dem einen Hersteller haben wollten, wollte ich die von der anderen Marke“, erinnert er sich lachend. Das Schöne: Es hat sich nie geändert.

Nach der Ausbildung zum Landwirt ist er in den Milchvieh-Betrieb seines Vaters eingestiegen. Mit der Zeit hat er den Hof entsprechend seiner Bedürfnisse verändert – seinem Vater zum Trotz. Der hatte wenig Verständnis für die Umtriebigkeit seines Sohnes. Auch Michael Dörrs zwei Kinder, Leonie und Ben, rollen mittlerweile scherzhaft mit den Augen, wenn Papa wieder mit einer neuen Idee um die Ecke kommt. „Teenager eben“, kontert der lachend. Dörr sieht den technischen Fortschritt in der Landwirtschaft als einen Schritt in Richtung Tierwohl an: „Vor 100 Jahren ging es den Tieren nicht unbedingt besser. Die Bullerbü-Romantik ist eben auch nur ein Klischee.“ 

 

Dank Fortschritt mehr Tierwohl

Die Technik ermögliche eine bessere Versorgung der Tiere. Die können quasi rundum betreut werden, erhalten Medikamente, wenn sie krank sind – „natürlich nicht prophylaktisch, sondern nur, wenn es nötig ist“, so Dörr. Sie bekommen Geburtshilfe, sofern sie welche benötigen, Futterberatung und einen hohen Hygienestandard. Je besser es den Kühen geht, desto mehr können sie leisten. Für Dörr ist das eine einfache Rechnung und nur ein Grund mehr, weiterzumachen, bis diese aufgeht. Darin bestärkt ihn auch seine Frau Birgit, die Erzieherin ist. Gemeinsam entwickelten sie auch die Idee, einen Schulbauernhof zu eröffnen. Das Ziel: Wissen vermitteln über das ganz Essenzielle, das Immer-mehr-zu-verschwinden-Drohende, das Wissen über moderne Landwirtschaft.

Milchviehwirtschaft zum Kennenlernen

Bevor der Karlshof zu dem werden konnte, was er heute ist – ein transparenter Stall –, wurde erst einmal gründlich aufgeräumt mit allem, was die ältere Generation so angesammelt hat. „Wir veranstalteten ein riesiges Hoffest und hatten schon nach zwei Tagen einen Zulauf von 8.000 Leuten. Das hat uns dazu animiert, den Hof noch weiter auf diese Art zu präsentieren. Jetzt haben wir Öffnungszeiten von 5 Uhr morgens bis 22 Uhr“, erzählt Dörr. Sein Enthusiasmus ist ihm heute noch anzumerken. So richtig los ging es dann 2003, als die Dörrs ihren Milchautomaten in Betrieb nahmen: „Der Automat war erst der Auslöser für die Menschen, wirklich mal vorbeizuschauen und zu merken: ,Oh, wir sind erwünscht!‘.“ Doch nicht nur das: Dörrs Milch unterscheidet sich von der aus dem Supermarkt. Das schätzen die Kunden. „Die Rohmilch schmeckt auch nach dem kurzen Abkochen noch voll. Und es sind jede Menge Vitamine drin, die beim Pasteurisieren, Homogenisieren und Ultrahoch-Erhitzen reduziert werden“, so Dörr.

 

Fühlt sich die Kuh wohl, gibt sie mehr Milch

Neben all dem Spaß mit den Besuchern kennt der Milchviehhalter ebenso die Probleme in der Landwirtschaft. Auch er bekommt die niedrigen Milchpreise zu spüren, obwohl seine Kühe eine beachtliche Menge Milch liefern. „Jeder will Bio, Weidehaltung und Kühe, die 15 Jahre alt sind. Und jeder will Milch zu Tiefstpreisen. Das passt einfach nicht zusammen“, kritisiert Dörr. Ein Hindernis? Iwo! Das alles ist für ihn ein Ansporn, noch mehr zu tun. Also sind die Photovoltaik- und die Biogasanlage hinzugekommen, die Öffentlichkeitsarbeit spielt eine immer wichtigere Rolle. Und der Viehbestand ist auf etwa 300 Kühe gewachsen, allesamt leistungsstark. „Wir haben Tiere dabei, die im Jahr 15.000 Liter Milch geben. Das wird auch oft als negativ angesehen. Aber meinen Kühen geht es gut“, sagt er und fügt stolz hinzu: „Meine beste und zweitälteste Kuh ist zwölf Jahre alt und hat bisher 130.000 Liter Milch gegeben.“ Zum Vergleich: Die deutsche Durchschnittskuh gibt rund 7.600 Liter Milch pro Jahr, so das Statistische Bundesamt.

 

Der Landwirt des Jahres weckt weltweit Interesse

Nicht nur Schulklassen kommen in das hessische Roßdorf, um sich den Karlshof anzusehen. Auch immer mehr Besucher aus aller Welt, etwa aus Südkorea, Japan, China, der Schweiz oder Österreich, interessieren sich für den Betrieb. Die Rundgänge mit den Gästen übernimmt Dörr gerne selbst. „Das ist Chefsache“, sagt er, der sonst in der Wir-Form spricht. So etwas mache ihm halt Spaß, gibt er zu. Und das vermittelt er auch. Nicht verwunderlich, dass irgendwann auch die Großen Wind von dem erfolgreichen Landwirt bekamen, der Milchviehhaltung nach dem Zukunftslehrbuch betreibt. Zahlreiche Auszeichnungen wie 2015 den 2. Hessischen Tierschutzpreis oder 2012 den 1. Preis im Bundeswettbewerb „Landwirtschaftliches Bauen“ in der Kategorie „Gläserne Ställe“ räumte er ab.

Besonders stolz ist er aber auf seinen neuesten Titel: Landwirt des Jahres. Unter Standig Ovations und „Simply the Best“-Beschallung nahm er die als CERES AWARD bekannte Trophäe Mitte Oktober in Berlin in Empfang. An diesem Abend wurde er nicht nur zum „Landwirt des Jahres 2016“ gekürt, sondern auch als Gewinner der Kategorie „Milchviehhalter des Jahres“. Für deutsche Landwirte hat der vom Deutschen Landwirtschaftsverlag verliehene CERES AWARD einen Stellenwert wie für Filmschaffende der Oscar. Gezielt darauf hingearbeitet habe er nicht, sagt Dörr. Vielleicht hat er auch deswegen den Preis so sehr verdient. Es ist nämlich nicht der Ruhm, der ihn antreibt. Es ist vielmehr die Leidenschaft – und die Liebe zu den Tieren, von denen die meisten sogar Namen haben. Seine Älteste heißt Kordula, die kann er besonders gut leiden. Sie gibt allerdings mit 16 Jahren keine Milch mehr, ist jetzt sozusagen seine Hobbykuh.

 

Wichtig: Zeit für neue Ideen

Was macht ein Landwirt, der alles erreicht hat? Michael Dörr fallen darauf viele Antworten ein, eine davon: „Ich möchte qualifizierte Mitarbeiter einstellen, die einen sicheren Arbeitsplatz geboten bekommen und ihre Familie ernähren können!“ Das ist sein größtes Ziel. Nicht etwa, um die Füße hochzulegen, nein. Er möchte einfach mal wieder einen freien Kopf haben, um neue Pläne zu schmieden. Vielleicht werden seine Kinder nachziehen. Vielleicht wird es irgendwann eine neue Generation geben, die dann wieder alles anders macht als der Vater.