„Schweine sind recht eigene, kluge Tiere und sehr sensibel. Der Umgang mit ihnen erfordert ein besonderes Händchen“, sagt Lena Hennig. Die 31-Jährige kennt sich aus mit den grunzenden und schmatzenden Vierbeinern. Denn seit 2011 arbeitet die studierte Landwirtin – neben ihrer Tätigkeit im regionalen Landwirtschaftsamt – auch im Schweinezuchtbetrieb der Familie Faust in der hessischen Gemeinde Großenlüder mit. Hier betreut sie rund 350 Zuchtsauen sowie die mehr als 10.000 Ferkel, die jährlich im Stall geboren und aufgezogen werden. Hauptsächlich aber kümmert sie sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Hofes. „Wichtig ist, dass man sich als Landwirt mit den Tieren identifiziert, sie nicht als Produkte betrachtet“, erzählt Lena Hennig fröhlich und ihr Pferdeschwanz wippt dabei. „Man kann die Schweine einfach nur versorgen – oder eben dabei genau beobachten, wie es ihnen geht. Für Außenstehende hört es sich vielleicht etwas komisch an, aber Sauen, die sich wohlfühlen, haben irgendwie einen zufriedenen Gesichtsausdruck.“

 

Schaufenster Internet


Um Interessierten einen authentischen Einblick in die Arbeit im Betrieb zu geben, nutzt Lena Hennig das Internet – und bietet damit allen Wissbegierigen „Hofbesuche vom Sofa aus“. Was bei Familie Faust für das Wohl der Tiere getan wird, zeigt und beschreibt Lena auf ihrem Blog. Hier erklärt sie etwa, wie neugeborene Ferkel versorgt werden – oder wie die Lüftung im Stall konstruiert sein muss, damit das Raumklima angenehm für die Tiere und die Luft stets frisch ist. Bewusst geht die junge Landwirtin dabei auch auf kritische Themen ein und beantwortet sie offen. „Sämtliche auf dem Hof durchgeführten Maßnahmen dienen dem Schutz der Muttersauen und der neugeborenen Ferkel und erfolgen ohne jegliches Blutvergießen“, erklärt Lena Hennig. So sei das in der Öffentlichkeit viel diskutierte Kupieren der Schwänze nach der Geburt der Jungtiere nach wie vor eine unverzichtbare Maßnahme. „Das Kürzen der Schwänze mit einem sogenannten Glaskupierer sorgt dafür, dass die Ferkel sich später nicht gegenseitig anfressen und verletzen. Bislang konnten diverse ‚Langschwanz-Versuche‘ noch keine praktikable Lösung liefern. Und die scharfen Schneidezähnchen schleifen wir rund, damit die Zitzen der Muttersauen beim Säugen nicht verletzt werden.“

Seit 2016 ist die engagierte Landwirtin außerdem als AgarScout unterwegs: Rund zwei Mal im Jahr beantwortet sie auf Veranstaltungen und Messen wie der Internationalen Grünen Woche Berlin Fragen der Besucher zur modernen Landwirtschaft, insbesondere natürlich zu ihrem Spezialgebiet, der Schweinezucht und -haltung. „Die Idee hat mich sofort begeistert, denn wir müssen wieder mehr mit Menschen außerhalb der Landwirtschaft ins Gespräch kommen. Vor allem in den urbanen Räumen wissen viele nur noch recht wenig über die moderne Landwirtschaft. Ich finde es außerdem toll, den Besuchern ein wenig von meiner Leidenschaft für die Schweinezucht und meinem Leben auf dem Land mit all seinen Facetten zu vermitteln.“

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Spielen mit dem Futter: Heu macht satt und beschäftigt zugleich. © Forum Moderne Landwirtschaft

Durchweg positive Erfahrungen

In einem eintägigen Vorbereitungsseminar üben die AgrarScouts mit einem Kommunikationstrainer, ihr Fachwissen allgemeinverständlich rüberzubringen. Zum Beispiel durch das Einbinden von Fotos und Videos aus ihrer täglichen Arbeit in das Gespräch. Lena Hennig war als AgrarScout auch auf Veranstaltungen wie dem Tag der offenen Tür der Bundesregierung in Berlin dabei – und machte durchweg positive Erfahrungen. „Manche hinterfragen die Landwirtschaft recht kritisch. Auffällig ist, dass die Besucher meist nur geringe Vorstellungen von unserer Arbeit haben. Sie sind dann oft sehr erstaunt darüber, wie modern die auf dem Acker und im Stall eingesetzte Technik heute ist und wie digital Landwirtschaft inzwischen betrieben wird“, so Lena Hennig.

Gibt es eine typische Verbraucher-Frage? „Definitiv! Ich werde sehr häufig danach gefragt, warum die Schweine im Stall auf Spaltenböden stehen und nicht auf Stroh. Die Antwort darauf lautet: Weil die Strohqualität gerade in feuchten Jahren häufig mit Keimen, Pilzen und auch Staub belastet ist.“ Das könne bei den Tieren zu erheblichen gesundheitlichen Problemen führen, ergänzt sie. Höherwertiges Stroh sei außerdem sehr teuer. Und der Verbraucher sei in der Regel noch nicht bereit, solche Ausgaben preislich mitzutragen. „Beim Einsatz von Spaltenböden in der konventionellen Schweinehaltung handelt es sich also um eine tierverträgliche Kompromisslösung. Die Gesundheit unserer Sauen hat für uns höchste Priorität.“

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Wärme für alle: Rotlicht macht’s den frischgeborenen Ferkeln beim Trinken noch kuscheliger. © Forum Moderne Landwirtschaft

Anregungen für ein neues Denken

Generell hat der Einsatz als AgrarScout Lena Hennig selbstkritischer gemacht. „Viele Arbeitsschritte, die notwendig sind und wir als selbsterklärend empfinden, sieht die Gesellschaft aus einem ganz anderen Blickwinkel. Besonders die Medien haben einen starken Einfluss auf den Wissenstand jedes Einzelnen“, so die junge Schweinefachfrau. Dabei nimmt sich Lena Hennig nicht aus. Sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen, dafür fehle halt häufig Zeit. Das Tierwohl zum Beispiel spielt auf dem Hof Faust eine sehr große Rolle: Die Sauen haben Platz im Stall und erhalten größtenteils Futtergetreide, das in einem nachhaltigen Kreislauf angebaut wurde. „Die Fragen der Verbraucher haben mich aber darüber nachdenken lassen, ob wir anstelle des Plastikspielzeugs für die Schweine nicht auch Naturmaterialien einsetzen können“, sagt Lena Hennig. Seitdem hängen auf dem Schweinhof Faust auch selbst gebastelte Heuraufen an den Buchtenwänden des Ferkelstalls. „Vor allem junge Schweine brauchen viel Abwechslung, damit sie sich nicht langweilen. Die Sauen sind da etwas genügsamer. Sie mögen klappernde Ketten. Je mehr Geräusche ein Spielzeug macht, desto besser.“

AgrarScout zu sein, hat für Lena Hennig noch einen weiteren Vorteil: Sie trifft regelmäßig andere junge Landwirte aus dem Netzwerk. „So haben sich richtig gute Freundschaften entwickelt“, freut sie sich. Dabei wird dann auch die eine oder andere AgrarScout-Anekdote ausgetauscht. An eine Begebenheit erinnert sich Lena Hennig besonders gern: „Auf der Grünen Woche unterhielt ein Vater sich sehr angeregt am Schweinemobil mit mir, als plötzlich sein Sohn dazu kam. Der Vater meinte zu ihm: ‚Schau mal, die Bauern sehen genauso aus wie wir.‘“

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Schweine sind sensible Tiere. Sie mögen es, wenn Lena Hennig und Michael Faust sie streicheln oder kraulen. © Forum Moderne Landwirtschaft